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Aquarell von dem Maler Peter Krüger (Bremen)

 

Der September verabschiedet einen Sommer, der alle Jahreszeiten auf seine Weise gemischt hat, der mit Überflutungen und Bränden, mit Trockenheit und Sturzregen dem Klimawandelt ein erkennbares Gesicht gegeben hat. Nun warten wir auf den Spätsommer, vielleicht einen bunten Herbst, auf gute Ernte und die Sonnenblumen und Astern, die das Leuchten nicht vergessen haben und uns Jahr für Jahr das Hoffen lehren.

Hoffnung II
Wer hofft
ist jung.
Wer könnte atmen
ohne Hoffnung
dass auch in Zukunft
Rosen sich öffnen
ein Liebeswort
die Angst überlebt.“
(Rose Ausländer, Im Atemhaus wohnen, 1981)

August
Die verehrlichen Jungen, welche heuer
Meine Äpfel und Birnen zu stehlen gedenken,
Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen
Wo möglich insoweit sich zu beschränken,
Dass sie daneben auf den Beeten
Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten.
(Theodor Storm)

Juli. Still ruht die Stadt. Es wogt die Flur,
Die Menschheit geht auf Reisen
Oder wandert sehr oder wandelt nur,
Und die Bauern vermieten die Natur
Zu sehenswerten Preisen.
Sie vermieten den Himmel, den Sand am Meer,
die Platzmusik der Ortsfeuerwehr
und den Blick auf die Kuh auf der Wiese.
Limousinen rasen hin und her
Und finden und finden den Weg nicht mehr
Zum Verlorenen Paradiese.



Im Feld wächst Brot. Und es wachsen dort
auch die künftigen Brötchen und Brezeln.
Eidechsen zucken von Ort zu Ort.
Und die Wolken führen Regen an Bord
und den spitzen Blitz und das Donnerwort.
Und der Mensch treibt Berg- und Wassersport
und hält nicht viel von Rätseln.
Er hält die Welt für ein Bilderbuch
mit Ansichtskartenserien.
Die Landschaft belächelt den lauten Besuch.
Sie weiß Bescheid.
Sie weiß, die Zeit
überdauert sogar die Ferien.
Sie weiß auch: Einen Steinwurf schon
Von hier beginnt das Märchen.
Verborgen im Korn, auf zerdrücktem Mohn,
ruht ein zerzaustes Pärchen.
Hier steigt kein Preis, hier sinkt kein Lohn.
Hier steigen und sinken die Lerchen.
Das Mädchen schläft entzückten Gesichts.
Die Bienen summen zufrieden.
Der Jüngling heißt, immer noch, Taugenichts,
er tritt durch das Gitter des Schattens und Lichts,
wie in alten Zeiten gen Süden.
Erich Kästner (1899 – 1974)

Juni
Nein, mir gefällt am besten
Das, was der Sommer bringt,
Wenn auf belaubten Ästen
Die Schar der Vöglein singt.

Wenn Rosen, zahm' und wilde,
In vollster Blüte stehn,
Wenn über Lustgefilde
Zephire kosend wehn.

Und wollt' mich einer fragen,
Wann's mir im Sommer dann
Besonders tät behagen,
Den Juni gäb' ich an
(Wilhelm Busch)

Der Mai
Dieser Monat ist der Kuss,
den der Himmel gibt der Erde.

Friederich von Legan (1604-1655)

April, so wurde er früher genannt: Launing, Grasmond, Ostermond, Ostermonat, Wandelmonat! Und als Wandelmonat ist er weiter unterwegs. Was er will, hat er schon gezeigt. Sonne, Regen, Hagel, Wind, Frühlingsblüher in Vorgärten und auf dem Friedhof, großartige Wolkenbilder und graue Felder. Er passt zu den politischen Wechselbildern in der Pandemie 2021, aber die sind eben viel langweiliger. Der alte Löns, der noch zum Stundenplan meiner Schulzeit gehört, hat in seinem Aprilgedicht einige Fake- News zur Liebe zusammengetragen- und sie den Mädchen in die Schuhe geschoben! So kann es im April eben gehen!


April
Laut flötet der Wind durch den Haselnussstrauch,
Schneeflocken durchwirbeln den Hain,
Bald Hagel, bald Regen und eisiger Hauch,
Bald lachendster Lenzsonnenschein.
Ich weiss ja, dass kurz dieser Sonnenblick dauert,
Dass Hagel und Regen und Schneefall schon lauert
Und Nordwinds erstarrendes wehen,
Und dennoch mich freudige Hoffnung durchschauert,
Es ist ja so schön, ja so frühlingshaft schön.

Erfrieren auch die Veilchen, die gestern erblüht,
Verstummt auch der Fink in dem Wald -
So lieb ich, April dich, in meinem Gemüt
Ist's auch heute warm, morgen kalt.
Auch dich hatt' ich lieb, die so oft mich belogen,
So oft mich mit Lachen und Weinen betrogen,
Dich Mädel, trotz Falschheit und Lug,
Ja, Zauberkraft war's, die zu dir mich gezogen,
Ja Trug, doch berauschender, seliger Trug.

Schon lange ist's her, schon manch langes Jahr,
Hab' immer gern deiner gedacht,
Du rosige Wange, du goldhelles Haar,
Du Auge, voll tiefblauer Pracht,
Ihr Lippen, wie konntet ihr lachen und schmollen,
Ihr Augen, wie konntet ihr strahlen und grollen,
Bald Höllenpein spenden und bald Paradies,
Was half mir mein besseres Wissen und Wollen,
Ja Lüge und Trug war's, doch süß, ach so süß.

Ich weine den Blumen des Herzens nicht nach,
Schon morgen erblüht neues Glück
Und wenn auch der Nordwind die Lenzblüten brach,
Ein Jahr und sie kehren zurück.
Ja Hagel und Regen und Sonne und Schneien,
Und Wechsel von Trauer, von Lust und Bereuen,
Bald jauchzend, bald düster und still,
Die Lust nicht verachten, die Schmerzen nicht scheuen,
Ich lieb euch, falsch Mädchen und falscher April.

(Hermann Löns, 1866-1914, deutscher Schriftsteller)

Der März vertreibt das Bild von dem kleinen Virus mit der großen Wirkung aus meinem Kopf. Mit seinen Blumen Anemone, Blaustern, Krokus, Narzisse, Hyazinthe, Leberblümchen, Märzbecher, Märzveilchen und den vielen kleinen ersten Knospen überall hilft der Frühling mir, auf kleinen Spaziergängen für kurze Zeiten aus dem Bild des allgegenwärtigen Virus  auszusteigen. Die Natur kann eben nicht nur drohen!
Und in meinem Kopf summt das alte Volkslied aus Mähren, das seit 1884 nachgewiesen ist:

1.Strophe
Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt.
Er setzt seine Felder und Wiesen in Stand.
Er pflüget den Boden, er egget und sät
und rührt seine Hände früh morgens und spät.

2. Strophe
Die Bäurin, die Mägde, sie dürfen nicht ruhn,
sie haben im Haus und im Garten zu tun;
sie graben und rechen und singen ein Lied
und freu‘n sich, wenn alles schön grünet und blüht.

3. Strophe
So geht unter Arbeit das Frühjahr vorbei,
dann erntet der Bauer das duftende Heu;
er mäht das Getreide, dann drischt er es aus:
im Winter, da gibt es manch fröhlichen Schmaus

Der Februar kam dieses Jahr überraschend in weiß. Vielleicht ist er auf Hochzeitsreise zu den Bremer Stadtmusikanten? Keine Reisebeschränkung, Grenzen interessieren nicht, Atemmaske trägt er nicht, aber die Luft ist wunderbar und vielleicht friert er den kleinen Virus mit der großen Wirkung jetzt mal für kurze Zeit ein! Auf jeden Fall gibt es fünf jährige Kinder in Bremen und Hamburg, die noch nie Schnee gesehen haben und jetzt auf allem, was rutscht, die Hügel und Deiche hinunterfahren.  Der Spielplatz vor meinem Haus hat einen kleinen Hügel- der heißt jetzt " Rodelparadies Harz"- einer der vielen kleinen Lichtblicke hinter dem

Tunnel der Pandemie. Dazu der wunderbare Karl Valentin:
Über kurz oder lang
kann das nimmer länger so weitergehen,
außer es dauert noch länger,
dann kann man nur sagen, es braucht halt alles seine Zeit,
und Zeit wär`s, dass es bald anders wird

Der Dezember 2020   mit seinen pandemisch begrenzten Feiertagen und der Beginn des Jahres 2021 mit seinem beklommenen Januar sind für mich wie ein Geschwisterpaar, die auf brüchigem Boden und brüchigem Eis mit Wander- und Schlittschuhen ihre vorsichtigen Runden drehen.
Sie wissen, dass das letzte Jahr nicht nur schrecklich war, wenngleich es mit vielem überrascht hat. Und sie ahnen, dass das neue Jahr wieder alle schwierigen, bunten und schönen Seiten enthalten wird wie alle Jahre davor auch.

Dass im Januar ein "wilder" Kerl mit Hörnern auf dem Kopf, bemaltem Gesicht und Fellweste für einen Augenblick das Präsidium im Kapitol übernehmen kann, bleibt ein Bild, das ich als Anmahnung für dieses Jahr in mir behalte, mich als überzeugte Demokratin  mehr als das Virus entsetzt und nach Trost suchen und ihn finden lässt:

Und glaube ja nicht,
dass der Garten im Winter seine Extase verliert.
Er ist still.
Aber die Wurzeln sind aufrührerisch
ganz tief da unten
(Rumi. Sufi Mystiker, Gelehrter und persischerScchriftsteller, 1207-1273)

Der November 2020 hat es in sich. Die Drohgebärde einer Pandemie, die die Welt in einer zweiten Welle mit hohen Infektionszahlen in Angst und Schrecken versetzt verbindet sich mit dem Trost eines Herbstes, der in den schönsten Farben die Menschen bei ihren erlaubten und einsamen Spaziergängen im Abstand halten begleitet und hoffen lässt, dass ihm irgendwann ein schöner Frühling folgen wird.

Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt,

was wir befürchten,
bestimmt
Ernst Bloch

Kürbis, Quitte, Rote Beete- der Oktober bleibt ein Erntemonat mit regionalem Flaire und gesund soll es auch noch sein.
Ich liebe die Herbstsuppen, mache 'Apfelmus und dieses Jahr das letzte Mal in meinem Leben einen Sauerkrauttopf. Ich ahne, wie wichtig und schwierig
nach all den Abstandsmaßnehmen ein guter Rückzug hinter die häuslichen Wände sein wird. Ringelnatz wird beim herbstlichen Nachdenken an meiner Seite bleiben!
Umarm ihn nicht
Umarme den, der dir gefällt.
Vorbei ist er dir leicht verloren.
Ich nehme an, dein Geist hat Ohren
Zu hören, was man von dir hält.

Umarme ihn, wenn eine Glut
Dich vorwärts drängt, ihn zu begrüßen.
Dann leg ihm deinen Mut zu Füßen.
Und mache kein Geschäft. — Sei gut.

Du warst zu dreist, wenn du nicht lesen
kannst, ob ihn die Umarmung freut.

Ich bin auch mehrmals so in Glut gewesen
Und hielt mich still. Hab mich gescheut,
Und hab Versäumtes hinterher bereut.

Und glaube doch: Wir brauchen weite Fernen,
Einander wahr und rein kennen zu lernen.

Der September trägt mit dem 11. September 2001 eine Wunde mit sich herum, die viele Narben hinterlassen hat und nach wie vor schmerzt- ein Flugzeug fliegt in den Nordturm des World Trade Centers und lehrt uns, dass der Terror überall in der Welt und mit unterschiedlichsten Begründungen seine Zerstörungswut in unsere Seelen versenkt.
Und sonst? Der September ist der Monat der Übergänge. Die Herbst – Tag – und – Nacht - Gleiche lässt Tag und Nacht für einen Tag genauso lang sein, der Spätsommer geht in den Herbst über und Heidelbeeren, Brombeeren, Himbeeren, Fliederbeeren und Hagebutten zeigen mit ihren Säften, welche Kraft uns dieser Monat spenden kann. Und Wehmut zieht ins Herz. Dazu Erich Kästner:

Der September

Das ist ein Abschied mit Standarten
aus Pflaumenblau und Apfelgrün.
Goldlack und Astern flaggt der Garten,
und tausend Königskerzen glühn.

Das ist ein Abschied mit Posaunen,
mit Erntedank und Bauernball.
Kuhglockenläutend ziehn die braunen
und bunten Herden in den Stall.

Das ist ein Abschied mit Gerüchen
aus einer fast vergessenen Welt.
Mus und Gelee kocht in den Küchen.
Kartoffelfeuer qualmt im Feld.

Das ist ein Abschied mit Getümmel,
mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.
Luftschaukeln möchten in den Himmel.
Doch sind sie wohl nicht fromm genug.

Die Stare gehen auf die Reise.
Altweibersommer weht im Wind.
Das ist ein Abschied laut und leise.
Die Karussells drehn sich im Kreise.

Und was vorüber schien, beginnt.

Jetzt im August kommt die Stunde der Gladiolen. Das ist immer die Zeit, wo ich auf den Felden vor der Stadt Blumen pflücken kann. Plötzlich steht man in der Fülle dieser Blume, in allen Farben, in Reih und Glied grüßen sie und wollen mit. Es fällt mir beim Selbstpflücken dieser Art immer schwer, Maß zu halten.

Im Internet findet man dies: In früheren Jahrhunderten war es äußerst unschicklich, einer Dame seine Liebe spontan zu bezeugen. Damals wie heute ließen die Herren Blumen sprechen, um ihre Gefühle kundzutun. Die Gladiole war neben der Rose ein großer Liebesbeweis. Erhielt die Angebetete Gladiolen ging es dabei weniger darum, eine Liebe auf Leben und Tod zum Ausdruck zu bringen. Vielmehr sollte durch die Blume die Bewunderung für einen Menschen und der Stolz, diesen kennen und verehren zu dürfen, symbolhaft offenbart werden.

Eine gute Idee für Corona Zeiten! Also: ab auf die Felder und Gladiolen pflücken und danach in Alten- und Pflegeheimen, in Supermärkten, Hausarztpraxen vorbeifahren und an all die Menschen verteilen, die wir bewundern und auf die wir stolz sind. Und wenn die Gladiolenzeit vorbei ist, neu überlegen!

Der Juli freut sich über den Rittersporn. In meinem Stadtgarten verweigert er sich mir. Aber im Topf wirft er von meinem Balkon aus seine blauen Gedanken auf meinen Schreibtisch und tröstet mich, dass ich gerade nicht schreiben kann, weil meine rechte Hand streikt.

Gedicht
Rittersporn


von Annegret Kronenberg

Rittersporn, der mir das Blau
aus den Augen stahl,
was flüsterst du mir ständig ins Ohr?
Du weißt doch, wie sehr ich dich liebe,
zu dir aufschaue.
Wenn der neidische Wind versucht,
deinen Stolz zu beugen,
deine Schönheit zu beleidigen,
bin es doch immer ich,
die dich aufrichtet, dir Halt gibt.
Glaubst du mir jetzt,
dass ich dich liebe?

Zum Juni gehört die Rose, sagt man. Sie blüht wie wild in meinem Garten und wirft in meinem Garten mit Rottönen nur so um sich. Und immer wieder lese ich das Gedicht von Hilde Domin! Nur eine Rose…

Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln:
mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
wie ein Nest im Wind
auf der äußersten Spitze des Zweigs.
Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle
der sanft gescheitelten Schafe die
im Mondlicht
wie schimmernde Wolken
über die feste Erde ziehen.
Ich schließe die Augen und hülle mich ein
in das Vlies der verlässlichen Tiere.
Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren
und das Klicken des Riegels hören,
der die Stalltür am Abend schließt.

Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
Meine Hand
greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze.

Der Mai ist ein Wonnemonat, heißt es. Das bleibt er auch in Zeiten, in denen der kleine Virus mit dem Namen Corona unterwegs ist und große Wirkung zeigt. Der April hatte schon mit der Arbeit des Mai begonnen, die Sonne brachte schneller als gedacht die Blumen- und Blätterpracht schrittweise zur Sprache. Nun ist kein halten mehr!  In Zeiten der großen und kleinen Quarantänen wurden die Spaziergänge der Menschen zu Befreiungen von der Enge des angeordneten Lebens.
Noch nie habe ich den Frühling so tief wahrgenommen wie in diesem Jahr

Mai
Mit Maiglöckchen
läutet das junge Jahr
seinen Duft
Der Flieder erwacht
aus Liebe zur Sonne
Bäume erfinden wieder ihr Laub
und führen Gespräche
Wolken umarmen die Erde
mit silbernem Wasser
da wächst alles besser
Schön ist's im Heu zu träumen
dem Glück der Vögel zu lauschen
Es ist Zeit sich zu freuen
an atmenden Farben
zu trauen dem blühenden Wunder
Ja es ist Zeit
sich zu öffnen
allen ein Freund zu sein
das Leben zu rühmen.

Rose Ausländer (1901-1988)

Der Monat "April" war ja immer verdächtig, zu machen, was er will. Nun macht es der kleine Virus mit der großen Wirkung. Regen, Sonne, STurm und was immer sich an Veränderungen gar nicht absehen lässt. Die Frühlingsblumen auf unseren Friedhöfen halten dagegen, sie leuchten und strahlen um die Wette. Ich möchte den Corona Toten, die heute in New York keinen Platz bei den Bestattern finden, bunte Tulpen in die kalten Hände legen.

Der März hat einen verdammt warmen Winter hinter sich. Der Februar hat sich an die Frühlingsblumen herangemacht, die Blumen vom Mai versucht sich jetzt der März zu kapern.
Wer normale Abläufe für sein Leben braucht, kann sich auf die Jahreszeiten nicht mehr verlassen. Und auf vieles andere auch nicht. Zur Ruhe legen, geht aber auch nicht.
Vielleicht hilft Morgenstern, wenigstens für einige Stunden

Begeistere dich!
Glaube mir,
dass eine Stunde der Begeisterung
mehr gilt als ein Jahr
gleichmäßig und einförmig
dahinziehenden Lebens.
Die Ruhe ist Dein Feind,
er ist mein Feind,
ist der aller Menschen
-  ich meine die Ruhe
der untätigen Behaglichkeit.
Ohne Streben kein Erfolg,
ohne Feuer kein Brand!

Ob der Februar ein April, der Januar schon ein März oder insgesamt die Monatsnamen uns noch sagen, was wir erwarten können, die Wetterlagen sind undurchsichtig und auch die Frühlingsblumen halten sich offenbar nicht mehr an die Regeln. Die politischen Lagen, die persönlichen Lagen und mein Lagerungsschwindel (an dem ich gerade leide) spielen miteinander und wir müssen sehen, wie wir durchkommen.

Der Mut ist`s,
der den Ritter ehrt.
(Friedrich von Schiller)

Der Januar ist mein Geburtsmonat und deshalb mag ich ihn, am liebsten mit sonnigem Schnee. Angefüllt mit vielen Erwartungen und Wünschen hat es der Monat nicht leicht, in die Gänge zu kommen. Aber diese Schwere mit der schlafenden Erde fühlt sich dann besser an, wenn man sich überlegt, was unter dieser Erde oder in uns selbst wach werden will, damit es ein Neues Jahr wird. In dem Schauspiel " Vögel" von Wajdi Mouawad (Bremer Theater, 2019/20) sagt Norah, die eine Mutter spielt:

Nicht die Wahrheit blendet Ödipus,
sondern die der Geschwindigkeit, mit der er sie erfährt,
nicht die Mauer tötet den Rennfahrer,
sondern die Geschwindigkeit,
mit der er an ihr zerschellt.
Man muss langsam heilen, langsam trösten.
Nicht zu schnell gegen die Mauer der Erkenntnis schleudern.

Dezember, eigentlich ein Monat der stillen Erwartung, aber er wird immer lauter. Dennoch: ich liebe die Lichterketten, die Sterne in den Fenstern, die Grüche von Lebkuchen und Glühwein. Oft mache ich einfach die Ohren dicht und gehe riechend und mit großen Augen über einen Weihnachtsmarkt oder an Schaufenstern vorbei,  wo mich nichts zum kaufen verlockt, weil ich ja eigentlich alles habe, was ich brauche.

Die beiden Monate Oktober u. November waren für mich in diesem Jahr Abschiedsmonate. Nicht nur der Abschied vom Sommer, von der Wärme, dem Blühen um mich herum, sondern von drei  engen Freunden, die mehr oder weniger unerwartet in wenigen Wochen die Seite gewechselt haben.  Ich werde lange brauchen, um wieder neue Ordnung in mein Leben zu bringen.
Getröstet hat mich ein Gedicht von Bertoldt Brecht, das auf der Trauerkarte eines Freundes stand und das ein anderes Zeichen
der Monate Oktober und November in Erinnerung bringt: die Kraniche am Himmel auf ihrem Weg in die Ferne:

Seht jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon als sie entflogen
Aus einem Leben in ein anderes Leben.
So unter Sonn und Monds
verschiedene Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz veerfallen
Wohin ihr? - Nirgends hin
Von wem davon?
Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie
schon beisammen?
Seit kurzem-
Und wann werden sie sich trennen?
Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt

Der September ist  und bleibt für mich , Jahrgang 1939, immer der Monat, der mit dem Beginn des 2. Weltkrieges verbunden ist, ein Krieg, der mein Leben in vielfacher Weise beeinflusst hat. Freuen kann ich mich dennoch immer wieder auch über die wunderbaren Geschenke dieses Monats: Äpfel, Birnen, Brombeeren, Esskastanien, Haselnüsse, Himbeeren, Holunnderbeeren, Honigmelonen und vieles mehr, vor allem Gemüse für das einfache Leben.  Mein September- Eintopf ist:
Bohnen, Birnen und Speck- ein Eintopf, der regional ist und den jede Oma kochen konnte. Und statt Gedicht, hier die Zutaten: machen Sie was draus!

375 g

Speck, durchwachsen, geräuchert

750 g

Bohnen, grüne

1 Zweig/e

Bohnenkraut

500 g

Kartoffel(n), festkochend

500 g

Birne(n), feste

2 EL

Mehl

Pfeffer, weißer

Der Juni platzt aus allen Nähten: Hortensien, Pfingstgrosen, Bartnelken, Levkojen. Jede Blüte großes Kino.
Und schon lässt die Pfingstrose wieder ihre Blüten fallen. Ein Farben -Rausch von Mutter Erde gegen
gegen viele schwarze Löcher um uns herum. Ich sehne mich nach Schutz.

Du
dort gegenüber
oder hinter mir
ich habe dich gesehen
tritt neben mich
sag nichts
bleibe

(eigener Text)

Der Mai ist gekommen und nicht nur die Bäume schlagen aus. Schon kommen die Warnungen: Waldbrandgefahren schon zu Beginn des Frühlings. Zu trocken für die Ernten, auf die wir hoffen. Die Pollen fliegen. Ja, das stimmt. Aber ich kann es kaum fassen, wie mich dieser Mai immer wieder neu verzaubert. Alles bricht auf und aus! Die Amsel schmettert ihr Lied, was das Zeug hält. Die roten Tulpen biegen sich in alle Richtungen. Ich freue mich über jeden kleinen Käfer, der die mörderischen Laubsauger überlebt hat.
Rose Ausländer beschreibt, was ich fühle:

FRÜHLING

Mit dem Akazienduft
fliegt der Frühling in dein Erstaunen.
Die Zeit sagt
ich bin tausendgrün
und blühe in vielen Farben.
Lachend ruft die Sonne
ich schenke euch wieder Wärme und Glanz.
Ich bin der Atem der Erde
flüstert die Luft.
Der Flieder duftet uns jung

Wie schön! Der März, der alte Lenz ist wieder da. Die Schneeglöckchen bimmeln mit und ohne Sommerzeit, die Märzbecher, die Narzissen, kleine Tulpen vor meiner Haustür schließen sich dem Frühling an. Der Brexit könnte sich ein Beispiel nehmen und mit dem Theater aufhören, ob er nun kommt oder nicht. Katze Sternchen steht morgens beim Zeitungsholen neben mir vor der Haustür und wittert ebenfalls den Frühling. Was in ihr vorgeht, weiß ich nicht. Meine Entscheidung ist klar: ob schon Frühling oder nicht:

Anfängergeist ist gefragt:
Man draff mit`n Anfangen nich uphörn
Un mit`n Uphörn nich anfangen
( unbekannter Autor, Landfrauenverein Harpstedt/ Heiligenrode)

Der Februar ist einer von den Übergangsmonaten. Ein alter deutscher Name für ihn war einst "Hornung", weil der Rothirsch sein Geweih abwarf. Weil wir Menschen kein Gehörn abwerfen , sollten wir - so die klugen Lebensratgeber von heute- zur Abwechslung  im Februar Grünkohl, Feldsalat und Lauch essen, nach Jamaika, Mallorca zur Mandelblüte oder Rio de Janeiro zum Karneval reisen, die Primel als Blume genießen und am 14. Februar zum Valentinstag niemanden, den wir lieben, ohne Blumen lassen. Genug zu tun, aber Nachdenken ist auch nicht schlecht:

Welch triste Epoche, in der es leichter ist, ein Atom zu zertrümmern, als ein Vorurteil.
(Albert Einstein)

Der Januar bleibt mein Lieblingsmonat. Er gehört zu mir, hat mir von seinen 31 Tagen einen besonderen Tag gewidmet, meinen Geburtstag. Jedes Jahr erinnert er mich, dass er mir treu bleibt und mich bis zum Ende begleiten wird. Was die Gestirne dazu sagen, was der Steinbock zu vermelden hat, ob der Schütze nun wirklich eine andere Seite von mir beleuchtet, ich weiß es nicht. Dass immer noch Menschen singen: " Wie schön, dass Du geboren bist, wir hätten Dich sonst sehr vermisst"- macht mich glücklich, und so hat der Januar auch ein Lied, das ich wie ein Versprechen in meinem Herzen trage und  das sich wie ein anderes Lebenslied anfühlt, das zeigt, wie wir von Brücke zu Brücke, von Geburtstag zu Geburtstag wandern, um auf brüchigem Boden Land zu gewinnen.

Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick
manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück
manchmal bin ich ohne Rast und Ruh
manchmal schließ ich alle Türen nach mir zu
Manchmal ist mir kalt und manchmal heiß
manchmal weiß ich nicht mehr was ich weiß
manchmal bin ich schon am Morgen müd
und dann such ich Trost in einem Lied
Über sieben Brücken musst du gehen sieben dunkle Jahre überstehn
sieben Mal wirst du die Asche sein aber einmal auch der helle Schein
Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn
manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehen
manchmal ist man wie von Fernweh krank
manchmal sitzt man still auf einer Bank
Manchmal greift man nach der ganzen Welt
manchmal meint man dass der Glücksstern fällt
manchmal nimmt man wo man lieber gibt
manchmal hasst man das was man doch liebt
Über sieben Brücken musst du gehen sieben dunkle Jahre über stehen
sieben Mal wirst du die Asche sein aber einmal auch der helle Schein
über sieben Brücken musst du gehen sieben dunkle Jahre über stehen
sieben Mal wirst du die Asche sein aber einmal auch der helle Schein
Über sieben Brücken musst du gehen sieben dunkle Jahre über stehen
sieben Mal wirst du die Asche sein aber einmal auch der helle Schein

Karat (1979)

Der Dezember ist ein  roter Monat. Rote Äpfel. Rote Kerzen auf dem Adventskranz. Rote Mütze und roter Mantel , wenn man den Weihnachtsmann spielt. Rote Nasen, wenn es kälter wird. Der rote Weihnachtsstern beherrscht die Blumenläden. Mancher zweifelnde Blick zum Himmel: sollte die Geburt in der Krippe und der Stern über Bethlehem wirklich was mit der Menschwerdung Gottes zu tun haben? Was glauben wir? Was wissen wir?

Am Ende der Suche und der Frage nach Gott steht keine Antwort,
sondern eine Umarmung ( Fulbert Steffensky

Die Jahreszeiten halten sich nicht an die Regeln! Eigentlich ist der November noch der Höhepunkt für den Herbst, aber in manchen Teilen Europas hat sich schon der Winter mit Kälte, Schnee und Winterstürmen auf die Socken gemacht.
Ich halte mich trotzdem an den roten Blättern des Ahornbaumes in meinem Garten fest und singe:

Hejo, spann den Wagen an.
Seht, der Wind treibt Regen übers Land.
Holt die gold'nen Garben!
Holt die gold'nen Garben!
Dieses Jahr folgt dem überhitzten Sommer tatsächlich ein goldener Oktober.  Die Apfelernte überwältigend, das Getreide hat gelitten, die Bäume mit den roten Blättern machen in ihrer Schönheit fast atemlos. Immer wieder quälen sich meine Gedanken und Gefühle durch die Widersprüche: hier diese Schönheit nicht nur der Natur, dort die Zertörung, der Hass und das Unheil , das sich Menschen zufügen. Der Fransziskanische Mönch Niklaus Kuster hat einen  Text geschrieben, der mich im Augenblick begleitet, herausfordert, und tröstet. Ein Gebet und eine Botschaft, die spirituell offen die Grenzen überschreitet und darum bittet, immer wieder neu ein Mensch im aufrechten Gang zu werden und zu bleiben.

Gott des Friedens,
was ich zurzeit erlebe,
geht über meine Kraft
und ich drohe außer mir zu geraten.

Stärke mich mit deinem Geist,
dass meine Seele den innerehn Frieden nicht verliert
und ich in Freiheit handlungsfähig bleibe:

Lass mich mit der Zunge Frieden bewahren,
in meinem Denken nicht aggressiv werden,
in meinem Herzen nichts Böses wünschen
und die Fassung nicht verlierehn.

Lass mich klar und gut reatgieren,
befreiend für mich
und für jene, die mir zusetzen.

Der September ist nicht nur kalendarisch angekündigt. Die Streuwiesen werfen mit Äpfeln. Die Rosen in meinem Garten haben die Hitze überlebt, die Astern zeigen sich in blau und erinnern an die Lieblingsblume meiner Mutter, ich habe die Kräuter in Öl eingelegt und will in diesem Jahr Sauerkraut machen, obwohl der Tontopf viel zu groß für mich ist und ich ein wenig zu alt. Aber es gibt Tätigkeiten und Rituale, die sind wie Lieder, die man immer wieder singt. Das hat oft keinen Zweck, aber es macht Sinn.

Leben heißt
ein Lied erfinden
und tapfer weitersingen
von Geburt zu Geburt

(Rose Ausländer)

Die Monate Juni, Juli und August haben sich ja in diesem Jahr zusammengeschlossen und den zweitheissesten Sommer seit dem Beginn der Aufzeichnungen in unseren Landen unter die Leute gebracht. Rekorde mit Sonnenstunden, Trockenheit, Ernteausfällen. Die Freude war teilweise ungebrochen, Schwimmbäder und Strände lockten und Regenschirme mutierten zu Sonnenschirmen. Und doch kriecht das Unbehagen langsam, aber hoffentlich sicher in uns hoch: Klimawandel über und unter uns, links und rechts: die Balance, die das Leben in den Jahreszeiten als Seitenwechsel braucht, geht verloren. Die Ernten kippen, auch unser Brot wird teurer- aber immerhin haben wir noch welches. Getrübte Freude, geteiltes Leid.

Selten hat mich ein Mai  in seinen ersten Tagen so beglückt wie in diesem Jahr, das uns so viele Schatten zeigt.. Ich konnte es nicht lassen, zu einigen meiner Vorträge mit dem Auto zu fahren, obwohl die Zugfahrt bequemer gewesen wäre. Regen, Hagel  jagende Wolken, blauer Himmel durch und durch, Rapsfelder, Kirsch - und Apfelbaumblüten und diese Vielfalt der grünen Farbe. Nicht zu fassen, diese Vorträge und Geschichten, die die Schöpfung mit ihrer Natur erzählt. Und es gibt dieses eine Lied, das so viele Menschen in dieser Zeit singen, summen, erinnern:
"Geh aus mein Herz und suche Freud". Und weil ich immer wieder erlebe, welche Freude diese Kirchenlieder vor allem auch bei alten Menschen erzeugen, die demenziell erkrankt sind , kaum noch reden, aber  plötzlich textsicher  viele Strophen erinnern,
kommt hier der lange Text:

1. Geh’ aus mein Herz und suche Freud
In dieser schönen Sommerzeit
An deines Gottes Gaben
Schau an der schönen Gärtenzier
Und siehe wie sie mir und dir
|: Sich ausgeschmücket haben :|

2. Die Bäume stehen voller Laub
Das Erdreich decket seinen Staub
Mit einem grünen Kleide
Narzissen und die Tulipan
Die ziehen sich viel schöner an
|: Als Salomonis Seide :|.

3. Die Lerche schwingt sich in die Luft
Das Täublein fliegt auf seiner Kluft
Und macht sich in die Wälder
Die hochbegabte Nachtigall
Ergötzt und füllt mit ihrem Schall
|: Berg Hügel Tal und Felder :|.

4. Die Glucke führt ihr Völklein aus
Der Storch baut und bewohnt sein Haus
Das Schwälblein speist die Jungen
Der schnelle Hirsch das leichte Reh
Ist froh und kommt aus seine Höh
|: In’s tiefe Gras gesprungen :|.

5. Die Bächlein rauschen in dem Sand
Und malen sich an ihrem Rand
Mit schattenreichen Myrten
Die Wiesen liegen hart dabei
Und klingen ganz vom Lustgeschrei
|: Der Schaf’ und ihrer Hirten :|.

6. Die unverdroßne Bienenschar
Fliegt hin und her, sucht hier und da
Ihr edle Honigspeise
Des süßen Weinstocks starker Saft
Bringt täglich neue Stärk’ und Kraft
|: In seinem schwachen Reise :|.

7. Der Weizen wächset mit Gewalt
Darüber jauchzet jung und alt
Und rühmt die große Güte
Des, der so überflüssig labt
Und mit so manchem Gut begabt
|: Das menschliche Gemüte :|.

8. Ich selber kann und mag nicht ruhn
Des großen Gottes großes Tun
Erweckt mir alle Sinnen
Ich singe mit, wenn alles singt
Und lasse was dem Höchsten klingt
|: Aus meinem Herzen rinnen :|.

9. Ach denk ich bist Du hier so schön
Und läßt Du’s uns so lieblich gehn
Auf dieser armen Erde
Was will doch wohl nach dieser Welt
Dort in dem reichen Himmelszelt
|: Und güldnen Schlosse werden? :|

10. Welch hohe Lust, welch heller Schein
Wird wohl in Christi Garten sein!
Wie wird es da wohl klingen?
Da so viel tausend Seraphim
Mit unverdroßnem Mund und Stimm
|: Ihr Halleluja singen :|.

11. Oh wär ich da, o stünd ich schon
Ach süßer Gott vor Deinem Thron
Und trüge meine Palmen!
So wollt ich nach der Engel Weis’
Erhöhen Deines Namens Preis,
|: Mit tausend schönen Psalmen :|.

12. Doch gleichwohl will ich weil ich noch
Hier trage dieses Leibes Joch
Auch gar nicht stille schweigen.
Mein Herze soll sich fort und fort
An diesem und an allem Ort
|: Zu Deinem Lobe neigen :|.

13. Hilf mir und segne meinen Geist
Mit Segen, der vom Himmel fleußt,
Daß ich Dir stetig blühe;
Gib, daß der Sommer Deiner Gnad
In meiner Seele früh und spat
|: Viel Glaubensfrücht erziehe :|.

14. Mach in mir Deinem Geiste Raum,
Daß ich Dir werd ein guter Baum,
Und laß mich Wurzeln treiben;
Verleihe, daß zu Deinem Ruhm,
Ich Deines Gartens schöne Blum
|: Und Pflanze möge bleiben :|.

15. Erwähle mich zum Paradeis,
Und laß mich bis zur letzten Reis
An Leib und Seele grünen;
So will ich Dir und Deiner Ehr
Allein und sonstern Keinem mehr
|: Hier und dort ewig dienen. :

Der April  ist ja aneblich ein Monat, der macht, was er will. Aber eigentlich ist er nur der brüchige Übergang zwischen den Monaten, die wir gern Frühlung nennen und den anderen, die schon zum Sommer zählen. Die Natur hält so viel von dem, was sie verspricht, dass es verwunderlich ist, warum wir den April als den unzuverlässigen Teil des Jahres betrachten. Aber irgendwie versuchen wir, uns an die Beziehungen zu Menschen, Dingen und auch Jahreszeiten zu halten, die wir im Kopf haben. In einem meiner kleinen Meditgationsbücher steht

Eine Beziehung zu knüpfen ist leicht, sie wieder zu lösen, ist schwer

Das tröstet mich in einer Zeit, in der ich fast im Wochenrhytmus gute Freunde verliere, die meinem Leben Freude und Sinn schenkten

Die Monate Februar und März sind für mich immer Monate des Übergangs, wilder Wettermischungen, voller Umbrüche. Und dann bimmelt plötzlich das Schneeglöckchen und bringt Ruhe ins Gemüt und verkündet, dass manches einfach stabil ist und darauf drängt, zu bleiben. Wenigstens in meinem Vorgarten. Und was lerne ich vom Schneeglöckchen in mir?

Wenn wir niemandem Schaden zufügen wollen, dann müssen wir erwachen. Die Voraussetzung dafür ist unter anderem, dass wir unser Tns so verlangsamen, dass wir bemerken, was wir sagen und tun. Je besser wir unsere emotionalen Kettenreaktionen verstehen und ihre Abläufe begreifen, umso leichter fällt es uns, sie zu vermeiden. Wach bleiben, langsam werden und beobachten, was vor sich geht, werden so zu einer Lebenshaltung.
Pema Chödrön
Die  alten Namen des Januar strömten eine Art Sicherheit aus: Hartmonat, Schneemonat, Eismond, Wintermonat, Wolfsmonat. Irgendwie war mit Schnee, Kälte und eben Winter zu rechnen. Auch Wölfe sollten heulen. Sicher ist nichts mehr. Aber heute Nacht könnte es tatsächlich frieren.
Ich freue mich immer über den Januar, denn vor 79 Jahren habe ich im Januar angefangen, mir die Welt anzuschauen- und das war bis heute ziemlich spannend. Mal sehen, wohin dieser Januar 2018 die Türen und Fenster öffnet, denn:

Das Alter ist unwichtig. Außer Du bist ein Käse

Der Dezember ist ein Monat der Erwartung, aber die meisten von uns wissen nicht, auf was wir eigentlich warten. Zwar gibt es die Sonntage im Advent, die mit ihren vier Kerzen  den Heiligen Abend im Blick haben, überall sind Sterne und Lichterketten in den Fenster. Die Kinder singen Nikolauslieder, sagen Gedichte auf und freuen sich über eine Mandarine, Bonbons oder andere kleine Gaben in dem kleinen Sack, mit dem sie durch die Straßen ziehen.  Und irgendwie spürt man die Freude auf die Bescherung am heiligen Abend. Eine Geschichte hat mich in den letzten Tagen sehr berührt.  Die Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter- Rupieper erzählt in ihrem Buch: Geschichten, die das Leben erzählt, weil der Tod sie geschrieben hat ( Patmos Verlag 2017)
Von einer Erinnerung an Heiligabend

In der Weihnachtszeit erscheint vielen der Tod eines geliebten Menschen besonders schmerzhaft. Dass die Erinnerung auch schön sein kann, das können wir von Kindern lernen; sie „rechnen“ oft anders. Am Vormittag war ich bei einer Familie, für die klar ist, dass der Vater in der Weihnachtszeit sterben wird. Ich sagte der sechsjährigen Tochter und der Mutter, dass es Menschen gibt, die in einer solchen Situation nicht mehr Weihnachten feiern möchten, weil sich in der Traurigkeit die Freude auf das Fest und auch auf die Geschenke verbieten oder weil sie sich nicht vorstellen können, dass es in dieser Zeit irgendetwas geben kann oder darf, das ihnen gut tut. Ich dagegen denke: vielleicht kann es auch ein Geschenk sein, sich im nächsten Jahr noch einmal an das Weihnachtsfest mit dem Vater zu erinnern?
Nach den Weihnachtstagen besuche ich die Familie erneut, der Vater ist am zweiten Weihnachtstag verstorben. Die kleine Tochter empfängt mich an der Wohnungstür, zieht mich nach drinnen und zeigt mir ihren neuen Gameboy. Sie erzählt, dass sie Heiligabend die ganze Zeit in Papas Bett gelegen hat und dort bei ihm damit so lange spielen konnte, wie sie wollte. Sie sagt: „Mechthild, und was für ein Glück, dass Papa nicht einen Tag vor Heiligabend gestorben ist, dann hätte er auch nicht mehr seine Geschenke auspacken können.“
Wie klasse ist das! In solchen Zeiten „rechnen“ Kinder zum Glück manchmal anders und haben dadurch oft auch andere Erinnerungen als Erwachsene.

Der November ist mit all seinen Stürmen, dem Regen und seinen großartigen Wolken immer wieder ein wunderbarer Tänzer. Wenn man zum Himmel schaut oder über die verregneten Straßen fährt, dann trudeln die Herbstblätter zu Boden, fegen noch einmal über die Straße und tanzen einzeln und in Gruppen vor sich hin. Die Freundschaft mit den Jahreszeiten macht das Leben leichter und lässt die Neugier auf den nächsten Tag wachsen

Auf den Oktober habe ich mich gefreut. Astern, bunte Blätterorgien am Boden, Apfelmus kochen, dicke Rosenknospen, die nicht mehr aufgeblüht sind und am Zweig langsam verwelken. Meine Katze Sternchen und ich freuen uns auf das erste Feuer im Ofen. Aber die Welt da draußen schmerzt. Und ich denke an all die, die in den Erdbeben, Stürmen und Regenmassen alles verloren haben. Einige Zeilen aus den Herbstgedanken von Rilke bringen zum Ausdruck, wie unterschiedlich uns der Herbst erscheinen kann- je nachdem, wo wir leben und welches Glück wir hatten.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Rainer Maria Rilke)

Der September ist ein Erntemonat, auf dessen Farben ich mich immer freue. Von den frisch geernteten Äpfleln habe ich gleich drei gegessen und die ersten blauen Astern, mit denen ich mein Wohnzimmer geschmückt habe, heißen bei mir "Friedel", weil sie die Lieblingsblumen meiner Mutter waren. Über die Frage der politischen Ernte der letzten Jahre in unserem Land müsste fairer und differenzierter gestritten und gerungen werden. Mir macht die Behäbigkeit der siegessicheren Alten  immer Angst, aber die Aufbruchsstimmung zu mehr Demokratie bei vielen jungen Menschen Mut. Die Nachrichten aus aller Welt kann ich kaum aushalten, das Kriegskind in mir meldet sich ständig zu Wort. Hilde Domin spricht mir  in ihrem Gedicht "Bitte"  aus der Seele:

Wir werden eingetaucht
und mit den Wassern der Sinflut gewaschen,
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch verschont zu bleiben,
taugt nicht

Der Monat August in Bremen ist das Musikfest " Eine große Nachtmusik". Das Orchestra de Cadaques aus Barcelona war angereist. Zwei Tage nach dem Attentat in ihrer Heimatstadt gaben sie zusammen mit der Pianistin K. Buniatishvili aus Georgien ein beeindruckendes Konzert und die Ovationen vorher und nachher galten auch der Friedensbotschaft, die die Musiker mitbrachten.
Mein Freund Florian hat dieses Bild vom erleuchteten Bremer Marktplatz gemacht.

Die Monate Juni und Juli  sind in meinem Gemüt unter Sonne, Blumen, leuchtendes Grün gespeichert. In diesem Jahr klappt zumindest
die Speicherung " Sonne" nicht so gut. Es regnet und unglaubliche Wolkenflüsse ziehen am Himmel entlang. Keine Vorhersage stimmt
wirklich und keiner weiß genau, wie der Hase läuft. Genau das ist die Botschaft: er hoppelt, und wir mit ihm.
Der schönste Seelentrost nicht nur für unsichere Wetterlagen kommt von Karl Valentin:

Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nich nicht freue, regnet es auch!
Eine ziemlich dunkle Welt mir Kriegsgeheutl umgibt des Mai,  diesen wunderbaren Mittler zwischen Frühling und Sommer. Die Menschheit bedroht sich, einige ihrer Vertreter hauen so auf die Pauke, dass den Blüten des menschlichen Geistes und dem Willens zum Frieden manchmal die Luft ausghet. Anders als das Blütenmeer des Mai weicht die Hoffnung auf das Tempo kleinster Schritte zurück.
Aber wie der Monat Mai mit seinem Aufbruch dürfen wir uns nicht entmutigen lassen! Auf meiner Reise durch den Iran habe ich in den letzten Wochen nicht nur die blühenden Gärten aus 1001 Nacht gesehen, vieles andere habe ich blühen sehen, von dem ich nicht wusste.  Ein Gedicht aus dem 9./10 Jhrd von Rudaki habe ich mitgebracht. Es duftet nach Rosen wie so vieles in diesem fernen Land:

Die Lehre des Lebens

Das Leben gab mir freimütig einen Rat,
das ganze Leben besteht ja aus Lehren.

Beneide den nicht, der es besser als du hat.
Es gibt viele, die sich nach dem, was du hast, sehnen
Der Monat April- erscheint in diesem Jahr als Mai. Ich kann gar nicht so schnell schauen, wie die Bäume ausschlagen, die Blüten ihre Meere zeigen und die Amsel jede Antenne nutzt, um ihr wunderbares Lied zu schmettern. Schöpfung pur und Trost in schwieriger Zeit. Ich werfe all den Menschen, die auf der Flucht und in Not sind und diesen Frühling nicht sehen und riechen können, rote Tulpen und gelbe Narzissen zu.

Nicht müde werden sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten. ( Hiled Domin )

Der Monat März ist für mich der Monat der kleinen Blumen, die nicht über den Winter klagen, sondern ihn überwinden. Das Schneeglöckchen ist für mich ein Symbol für das, was zu tun wichtig ist: überall, wo es geht, den gefrorenen Boden zwischen uns Menschen und die Eiszeiten durchbrechen, weiße Friedensfarbe bekennen, bimmeln oder im Autocorso "hupen", wenn wie jetzt gerade Anfang März 2017 in der Türkei und anderswo  mutige Journalisten eingesperrt werden, weil sie dafür sorgen, dass wir uns eine freie Meinung bilden und sie auch äußern können.

Und das sind all die Name, die das Schneeglöckchen auch heißen kann:
Aprilstern, Bummelglöckchen, Fasteloowesgäcke, Fastnachtsglöckchen, Fastnachtsgäste, Fastnachtsnarren, Frostglöckchen, Frühaufsteher, Frühlingsglöckchen, Frühlingsglöckle, Hornungsglöckchen (Hornung = Frühling), Kalchesblume, Lenzglöckchen, Lichtmess-Glöckchen, Lichtmess-Glocke,
Märzbläum`m, Märzblümchen, Märzenglöckle, Märzenzähnchen, Märzglöckchen, Märzglöckle, Märzveilchen, Märzviole, Nackte Jungfrau, Nakende Jüffer, Naseweischen, Nickende Wifke, Osterblume, Osterglöckel, Sankt Dorothee Lilje, Sankt Valentinslilje, Schneeblitzer, Schnee-Durchstecher, Schneeblümlein, Schneedöppchen, Schneefalke, Schneefeigerl (Niederösterreich), Schneeflocke, Schneefozzle, Schneeglocke, Schneeglöcklein, Schneegrall, Schneegrulle, Schneegucker, Schneehocker, Schneekaterl (Salzburgisch), Schneekieker, Schneetulpe, Schneeglöckla (Schlesien), Schneaklokka (Kärnten), Schneeglöckle (Schwäbische Alb), Schneeglöggli (Schweiz), Schneetröpfer, (Österreich), Schneetröpfli, Schneeviole, Sneeflocke, Snefklösken, (Westfalen), Sneiklöckelken, (Hannover), Vastenovendklokjes, Vastenovendgastjes, Vastenovendgekjes, Vorwitzchen, Weiße Jungfrau, Winterglöckchen, Wintertörichte

Manche nennen den Monat Februar einen Durchhaltemonat. Der Winter ist noch da und lässt sich nicht vertreiben. Manchmal singt die Amsel schon den Frühling an. Ich suche im Augenblick immer nach Nachrichten, die den politischen Winter vertreiben, und eine davon war die:Bukarest/Rumänien: Bei den größten Massenprotesten in Rumänien seit 1989 gegen die nach der Parlamentswahl 2016 gebildete Regierung unter Ministerpräsident Sorin Grindeanu (PSD) und den verkündeten Erlass bei dem Hunderten wegen Amtsmissbrauchs angeklagten Amtsträgern Straffreiheit gewährt wird, nehmen über 150.000 Menschen teil. Am 3. Februar steigt die Zahl der Demonstranten auf bis zu 250.000 Menschen an.
Und gestern kam die Nachricht, dass die Regierung den Erlass zurückgenommen hat. Die Menschen haben mit ihrer berechtigten Wut wärmendes Feuer gemacht und wieder eine Blume des Widerstands zum blühen gebracht, egal in welcher Jahreszeit. Und viele junge Menschen waren dabei, Frauen mit ihren kleinen Kindern. Wie im Washington und anderswo in diesen Tagen weltweit. Die brauchen wir in diesen politischen Eiszeiten.

Wer hofft
ist jung 

Wer könnte atmen
ohne Hoffnung
dass auch in Zukunft
Rosen sich öffnen
ein Liebeswort
die Angst überlebt

(Rose Ausländer)

Der  Januar, der Anfang eines Jahresist ein Monat, der einen dicken Sack mit Wünschen auf dem Rücken hat. Wünsche für ein ganzes Jahr. Gesundheit, Glück, Frieden- und wie sie alle heißen.  Wenn der Monat schreiben könnte, würde er sicher zurückschreiben: Danke, ich helfe, aber das meiste müsst ihr Wünscher selbst bewerkstelligen.
Ich glaube, dass wir alle zusammen und jeder für sich in diesem Jahr vielleicht mehr als in anderen Jahren Gesicht zeigen muss, Stellung beziehen, schenken, was  andere brauchen, denken lernen, was bisher undenkbar schien, sich selbst und anderen Mut machen und wissen, dass wir viel dazu beitragen können, dass zumindest unsere nahe Umwelt menschlich bleibt und menschlicher wird.  Das menschliche Leben ist so fragil und verletzbar- es baucht jeden von uns!

Das Leben ist flüchtig, wie der hingetupft an den Gräsern hängende Tau, dessen kristallene Tropfen von der ersten Morgenbrise
davongetzragen werden.

(Dilgo Khyentse Rinpoche)